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14.06.2004

Orientalische Märchen bei zauberhaftem Robinienduft

von Marius Koity Ostthüringer Zeitung

Am Wochenende abwechslungsreiche Literaturtage auf Burg Ranis

Der zauberhafte Duft der in voller Blüte stehenden Robinie auf dem Hof passte genial zum Auftakt der diesjährigen Literatur- und Autorentage auf der Burg Ranis. Denn mit Märchen aus dem Orient wurde das Literaturfestival am Freitagabend eröffnet. Das wiederum war kein zufälliger Kontrapunkt zu den Einleitungen der vergangenen Jahre mit Lyrik und Musik. Vielmehr wollte der veranstaltende Lese-Zeichen e. V. den notorisch schlechten Nachrichten aus dem Irak mit dem Programm "Der Glücksbote" Beispiele guter, alter Kultur aus dem Zweistromland entgegensetzen.

Glücksbotinnen waren Sabine Kolbe, Kerstin Otto und Suse Weisse. Die Schauspielerinnen haben zur Erzähltheatergruppe Fabuladrama zusammengefunden und arbeiten unter Leitung der in Ranis geborenen Kristin Wardetzky. In Ranis brachten sie ohne jede bühnentechnische Unterstützung, nur mit des eigenen Geistes Spielkunst fantasievolle Märchen und komische Geschichten der irakischen Tradition ausdrucksstark dar. Von einem schönen Mann, der tagsüber als schwarzer Hund sein Dasein fristen muss, von verliebten Nachtigallen und hungrigen Schakalen erzählten die Frauen, dazu Schwänke, die an Eulenspiegeleien erinnern. Die alttestamentarischen Elemente und die Motive europäischer Volksliteratur in den irakischen Märchen machten deutlich, dass abendländische und orientalische Kulturen enger miteinander verbunden sind, als den meisten bewusst ist.

Auch Elke Harjes-Ecker aus dem Thüringer Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst war Freitag eine Glücksbotin. Während des Begrüßungsteiles der Literaturtage-Eröffnung überreichte sie dem Vorsitzenden des Vereines Lese-Zeichen, Hans Westerheide, einen Lottomittel-Bescheid über 6000 Euro für die nächsten Thüringer Märchentage. 60 kulturelle Veranstaltungen können mit diesem Betrag generiert werden, rechnete Lese-Zeichen-Geschäftsführer Dr. Martin Straub dankend vor.

Junge und jung gebliebene Hörer hatten in gleichem Maße auch zur ersten Lesung am Samstagnachmittag ihren Spaß. Die bestritt der 42-jährige Kinder- und Jugendbuchautor Hubert Schirneck. In Österreich sei er bekannter als in seiner thüringischen Heimat, führte Dr. Martin Straub den Autor ein. In St. Pölten ist sein jüngstes Buch "Flaschenpost für Papa" erschienen, in dessen Mittelpunkt Hanna steht. Die Neunjährige bewältigt ihre "blaue Sehnsucht" nach ihrem Vater, der im Indischen Ozean forscht, mit Flaschenpostbriefen. Dabei teilt sie ihm u. a. ihre Entscheidung mit, dass sie Worterfinderin werden will, zumal ihrer Mutter immer die Worte fehlten, wenn sie die Unordnung im Kinderzimmer sieht.

Die Worte fehlen einem manchmal auch bei der Lektüre des Buches "Der fremde Vater. Der Sohn des Kanzlerspions Guillaume erinnert sich", die der Sohn des Kanzlerspions, Pierre Boom, mit seinem Co-Autor Gerhard Haase-Hindenberg vorstellten. Die Biographie und Autobiographie in Einem sei "das bemerkenswerte Psychogramm eines deutsch-deutschen Schicksals", so Dr. Martin Straub. Die beiden Publizisten fanden indes das Ambiente auf der Burg bemerkenswert: Es war "einer der schönsten Leseorte, die wir bisher hatten", sagte Pierre Boom.

Das Lesekonzert am Samstag war dann der Höhepunkt des Tages. Aus dem Stehgreif gelang drei Autoren und zwei Jazz-Musikern, die noch nie zusammengewirkt haben, ein außergewöhnliches Programm. Mitreißend und virtuos spielte Helmut Joe Sachse sein Gitarre, er lebte praktisch seine Musik, und am Saxophon war Warnfried Altmann stark. Der 28-jährige Lyriker Jan Volker Röhnert brachte unveröffentlichte robuste Lyrik zu Gehör, zu der ihn ein Aufenthalt in Paris inspirierte. Die gleichaltrige Lyrikerin Daniela Danz setzte etwas melancholische Texte dagegen, die im Band "Serimunt" erscheinen werden. Unterhaltsam-pointierte Kurzprosa aus seinem neuen Buch "Treibgut/Warmzeit" las der 50-jährige Autor Wolfgang Haak, der auch froh war, auf der Burg mit dem Pößnecker Buchhändler Jürgen Gottstein einen Jugendfreund wiedergefunden zu haben.

Der Literatursamstag klang mit der preisgekrönten Krimi-Autorin Anne Chaplet aus, die Abschnitte aus ihrem jüngsten Buch "Schneesterben" las.Helmut Joe Sachse und Warnfried Altmann machen Jazz.