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07.06.2004

Keine Kollisionen mit der deutschen Mannschaft

von Frank Quilitzsch TLZ

Ranis. (tlz) Die Veranstalter von Thüringens größtem Literaturfestival haben an alles gedacht, sogar an die Fußball-Europameisterschaft. Zwar beginnen die Turniere auf der Literaturburg Ranis und im fernen Portugal am selben Abend, doch in entscheidenden Momenten kommt ein jeder auf seine Kosten. "Keine Kollisionen zwischen der Kultur und der deutschen Mannschaft", verspricht Martin Straub, Geschäftsführer des Lese-Zeichen e. V., schmunzelt über den Hintersinn seiner Worte und fügt hinzu: "Wir bieten Hochkultur, die deutschen Spieler müssen sich erst noch danach strecken."

Wenn die deutsche Mannschaft in Portugal aufläuft, haben die rund 60 zu den diesjährigen Thüringer Literatur- und Autorentagen eingeladenen Schriftsteller lesefrei. Und auch wer sich das Viertel- und Halbfinale sowie das Endspiel ansehen möchte, muss keine Angst haben, einen literarischen Champion zu versäumen. Das Klischee vom unsportlichen Schreiber auf der einen und dem Sportler, der nie ein Buch in die Hand nimmt, auf der anderen Seite ist längst passe. Christoph Dieckmann, der am 18. Juni in Ranis auf den Sänger Hans-Eckardt Wenzel trifft, schreibt regelmäßig Kolumnen über den FC Carl Zeiss Jena in der "Zeit". Jörn Luther hat jüngst mit Frank Willmann ein Buch über den BFC Dynamo verfasst. Ines Geipel, in den 80er Jahren Sprinterin der DDR-Nationalmannschaft, schrieb unter anderem über die Doping-Prozesse. Es gibt Poeten im Judoanzug, Marathon laufende Erzähler und Wulf Kirsten, den Thüringenmeister im lyrischen Landschaftswalking. Letzterer wird am 21. Juni anlässlich seines Eintritts in die Altersklasse ab 70 mit einer Festveranstaltung im DNT Weimar geehrt; neben Kirsten lesen Gisela Kraft, Wolfgang Haak und Ulf Heise, Christine Hansmann (Gesang) und Mario Wiegand (Klavier) gratulieren musikalisch.

Lesekonzerte sind eine Spezialität der Thüringer Literatur- und Autorentage, die zum 14. Mal veranstaltet werden, zum 8. Mal von der Literarischen Gesellschaft und dem Lese-Zeichen-Förderverein gemeinsam. "Mit musikalischen Lesungen kann man Musik- und Literaturinteressierte für das jeweilige andere Genre begeistern", weiß Sigrun Lüdde. Als Geschäftsführerin der Literarischen Gesellschaft hat sie jahrelang die Reihe "Dreiangel" betreut, in der noch ein bildender Künstler mit von der Partie ist. Am 13. Juni wird in Weimar-Tiefurt ein Künstlerbuch von Michael Wüstefeld präsentiert.

Von Greiz bis Mühlhausen und von Eisenach bis Limlingerode - wie in jedem Jahr schwärmen die Autoren in die Thüringer Region aus, lesen an Schulen, in Bibliotheken und Vereinen. Höhepunkte? Die Familienfeste auf der Burg, u. a. mit Fabuladrama, Kieck-Theater, Wenzel, Manfred Bofinger und Jens Sparschuh, empfiehlt Martin Straub. Sigrun Lüdde hebt die Zusammenarbeit mit langjährigen Partnern wie Kulturämtern, Bibliotheken und lokalen Kulturvereinen hervor: Am 10. Juni beispielsweise weihen Jens Wonneberger, Gisela Kraft und Alex Jacobowitz den sanierten "Pferdestall" im Greizer Schloss ein. Nicht zu vergessen die Buchpremiere der von Wulf Kirsten herausgegebenen Lyrik-Anthologie "Umkränzt von grünen Hügeln" am 7. Juli im Rahmen der Thüringer Landesausstellung in Sondershausen und die Lesungen mit Sarah Kirsch und Hans Joachim Schädlich bei den Limlingeröder Diskursen.

Ohne Förderung durch das Kunstministerium und die Unterstützung zahlreicher Sponsoren - von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen/Thüringen bis zur GGP Media Pößneck - lässt sich ein Autorenfestival dieser Dimension nicht realisieren. Das Erfolgsgeheimnis: Ein Netzwerk von der Programmgestaltung bis zur Internetpräsentation.

@ Gesamtes Programm: www.lesezeichen-ev.de