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17.03.2015

Wenn Fußball wieder Spaß macht: Frank Willmann liest in der JVA Hohenleuben

von Katja Grieser Ostthüringer Zeitung

Der aus Weimar stammende Autor Frank Willmann stellte sein vorige Woche erschienenes Buch „Kassiber aus der Gummizelle“ im Gefängnis Hohenleuben vor. Foto: Katja Grieser

Der Weimarer Autor Frank Willmann stellte gestern Nachmittag in der Justizvollzugsanstalt Hohenleuben sein erst vorige Woche erschienenes Buch „Kassiber aus der Gummizelle“ vor.

Hohenleuben/Greiz. Ein Raunen ging durch den Raum, auch Gelächter war zu hören, als Frank Willmann gestern zu Beginn der Lesung seinen Pullover auszog und ein FC-Carl-Zeiss-Jena-Fan-Shirt zum Vorschein kam: Offenbar teilen die 22 Gefangenen, die die Buchvorstellung miterleben wollten, die Vorliebe für den Verein nicht unbedingt. Was den aus Weimar stammenden Autor aber keineswegs davon abhielt, vom Jenaer Fußball zu schwärmen. Als Weimarer gebe es ja nur zwei Möglichkeiten – entweder, das Herz schlägt für Rot-Weiß Erfurt, oder eben für den Jenaer Verein. Frank Willmann tendierte gen Osten und bis heute hält die Leidenschaft für Carl Zeiss Jena an.

Um Fußball geht es auch in seinem neuen Buch, das erst in der vorigen Woche herausgekommen ist – Premiere war am Donnerstag in Leipzig – und dessen Titel „Kassiber aus der Gummizelle“ so gar nicht ans Kicken denken lässt. „Ich steh ein bisschen auf schräge Geschichten und ich wollte einen Titel haben, bei dem man nicht gleich weiß, worum es geht“, verrät Frank Willmann vor der vom Lesezeichen e. V. geförderten und von der Stadt- und Kreisbibliothek Greiz veranstalteten Lesung.

Vision vom Fußball im Jahr 2063

Drei kurze Geschichten las Frank Willmann im Hohenleubener Gefängnis. Ein spannendes Bild malte er zur Zukunft des deutschen Fußballs. Wir sind im Jahr 2063 – „im Übrigen mein 100. Geburtstag“, scherzt Willmann. Während der FC Bayern München und Borussia Dortmund in der „abhängigen Meisterschaft“ zum 50. Mal in Folge um den Titel spielen, existiert da noch eine Freie Deutsche Meisterschaft des Freien Deutschen Fußballverbandes. Da gibt es in den Stadien keine gesonderten Bereiche mehr für die vermeintlich Prominenten, keine Häppchen und keinen Champagner. Der echte Fan braucht das nicht, der echte Fan will Fußball spüren, da zählt das Spiel, da macht Fußball wieder Spaß. Wie es dazu kam? Irgendwann sind die Fans stutzig geworden, irgendwann haben sie sich aufgelehnt gegen Schickimicki-Fußball, bei dem die Vereine sich verkauft haben und der fernab von den Fans über den Rasen geht. Deshalb haben sich die wahren Freunde des Sports zusammengetan, neue Vereine mit „echten demokratischen Strukturen“ gegründet. „Das ist meine Vision und ich hoffe, dass die zutreffen wird“, so der Autor.

„Wie ich dreimal Weltmeister wurde“ erzählt eine andere Fußballgeschichte. Das erste Mal war 1974, da brachte das Heiligtum, der RFT-Fernseher Color 21, den Westen und damit auch den Sieg der BRD bei der WM ins DDR-Wohnzimmer. 1990 war es ein Blaupunkt-Fernseher, der in einer Kölner Galerie stand und den deutschen Sieg übertrug. Von der linken Künstlerszene wurde die Fußballliebe der „Zonis“ voller Abscheu beäugt: Wie könne man sich an einem so kindischen Spiel erfreuen, wurde gefragt. 24 Jahre später sah es anders aus: Fußball ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, auf Fanmeilen geraten die Deutschen beim Anblick der Löw-Elf in kollektiven Rausch.

Und in den zurückliegenden Jahrzehnten haben auch Politiker nach und nach den Fußball für sich entdeckt: Vom Helmut-Schmidt‘schen Desinteresse 1974 konnte 2014 keine Rede mehr sein, als Kanzlerin Angela Merkel bis in die Kabine des deutschen Teams vordrang, hat Frank Willmann beobachtet. „Sie merken schon, dass ich nicht so gut auf Politiker zu sprechen bin. Die interessieren sich ja nicht für Fußball, denen hat der Imageberater gesagt, dass sie dort hingehen sollen“, ist der Autor überzeugt.

Mit Schrecken erinnert sich Willmann übrigens an die WM 2002, bei der er zeitweise bei zwar an die Existenz von Elfen und Trollen glaubenden, Fußball jedoch völlig kalt lassenden Finnen weilte. Der wohl schlimmste Albtraum für den Fußballfan, der sogar Bauchschmerzen vorgetäuscht hat, um dem täglichen Saunagang zu entgehen und wenigstens ein wenig vom Großereignis mitbekommen zu können.

„Es scheint ganz lesenswert zu sein“, sagte einer der Gefangenen anerkennend und blätterte interessiert in Willmanns Buch. Ein anderer Häftling stellte, an den Autor gerichtet, fest: „Sie haben eine sehr abstrakte Sichtweise.“ Und nun ganz offensichtlich auch ein paar Fans mehr.