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11.03.2017

Wechselspiel von Musik und Sprache zur Lesung auf Burg Ranis

von Marko Kruppe Ostthüringer Zeitung

Henry Altmann und Paula Quast. Foto: Marko Kruppe

Ranis. Vor mehr als vierzig Inter­essierten leitete Ralf Schönfelder, der Projektmanager der Kunst- und Literaturburg Ranis, das Lesekonzert am Donnerstagabend mit dem Hinweis ein, dass mit dieser Veranstaltung das Thüringer Märchen- und Sagenfest inoffiziell eröffnet wird. Dann löschte er das Licht.

Die mit Klavier, Laute und Percussion-Instrumenten ausgestattete Bühne lag nun in einem rotgelben Schein. Auf der Stelle entstand eine weiche Atmosphäre, die der in traditionelles Gewand und mit Kippa gekleidete Musiker Henry Altmann, Klavier und Posaune gleichzeitig spielend, ergänzte. Dann trat auch Paula Quast vor das Publikum, ebenfalls in orientalische Gewänder gehüllt, um für eineinhalb Stunden in eine andere Welt zu verführen.

"Wir hören heute jüdische Märchen, die ganz anders sind als die der Gebrüder Grimm, die auch anders sind als alle anderen Märchen dieser Welt", sagte Paula Quast mit eindrücklicher Stimme. Als erstes von fünf Märchen kündigte sie "Der Traum des Holzfällers" an, der sehr stark an die Midas-Sage aus der griechischen Mythologie erinnerte. Diesem folgten weitere Märchen, die von Witz, Kühnheit und Religiosität geprägt waren. "Die jüdischen Märchen haben alle einen humorvollen Aspekt", sagte Paula Quast und führte aus, dass diesen Humor allerdings jeder für sich erkennen müsse, da er oft nur unterschwellig zum Tragen komme.

Es machte den Eindruck, als kokettieren viele jüdische Märchen mit der biblischen Geschichte. Nicht selten geht es um Gott, um die Treue zu Gott, um Moral, wie etwa in dem Märchen "Die Kupferfiebel". Hier findet ein Lumpensammler eine Figur, die dem Mann aufträgt, sie aufzuheben, zu putzen und zu hegen. Sie verspricht ihm, mehr und mehr Geld zu verdienen, und immer wieder stellt sie neue Forderungen. Am Ende baut der inzwischen sehr reiche Lumpensammler der Figur ein Haus. Er spendet einen großen Teil seines Geldes an Notleidende und doch erscheint ihm eines Tages Gott , um den im Jüdischen verbotenen Götzendienst anzumahnen. Gott zerschlägt die Figur und verlangt vom Lumpensammler, sein Hab und Gut zu verbrennen. Dies tut der Mann und lebt fortan wieder als armer Lumpensammler – eine Lebenseinstellung, die zuweilen schwer nachvollziehbar ist.

Eindrucksvoll, eloquent und vielstimmig las Paula Quast und?sie wusste, zwischen Ernsthaftigkeit und süffisanten Textstellen stimmlich zu unter­scheiden, während Henry Altmann die Texte musikalisch unterstrich und seinerseits wunderbare Betonungsaspekte setzte. Das bis ins kleinste Detail sensibel aufeinander abgestimmte Wechselspiel von Musik und Sprache. Das Programm war wie ein wunderbares Hörspiel aus dem Orient.

"Ich hatte am Anfang etwas Schwierigkeiten, mich gleichzeitig auf Musik und Text einzulassen", sagte die Raniserin Sabine Brettschneider aus dem Publikum. "Als ich mich dann aber darauf einließ, entstand eine mystische Stimmung und ich muss sagen, dass das eine sehr, sehr schöne Lesung war."