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11.03.2015

Thüringer Autoren präsentieren Kinder-Waldbuch auf Buchmesse

von Frank Quilitzsch TLZ

„Bis bald im Wald“ heißt das Buch, das Thüringer Autoren mit zur Leipziger Buchmesse nehmen. Foto: privat

Der Rudolstädter Schriftsteller Matthias Biskupek (62) ist Mitautor des Thüringer Kinderbuches „Bis bald im Wald“, das jungen Lesern den größten Naturschatz unserer Region nahezubringen versucht – auf fantasievolle und literarisch höchst unterschiedliche Weise. Wir sprachen mit ihm über das Projekt und darüber, was sich die Autoren von der Veröffentlichung erhoffen.


Warum muss man Kindern heutzutage vom Wald erzählen?
Weil der Wald im Computer nicht genügt. Man sollte wenigstens ab und zu in Erinnerung rufen, dass es auch einen richtigen Wald gibt. Dieser Wald rauscht und riecht, bietet reale Abenteuer und birgt Gefahren. Man kann sich in ihm verlaufen. Oder sagen wir es so: Vieles von dem, was der Computer simuliert, kann man dort „in echt“ erleben.
Da wir in Thüringen leben, haben wir den Wald quasi vor der Haustür. Aber sind wir noch mit ihm verbunden?
Wir, die wir gerade miteinander sprechen, in gewisser Weise schon. Weil wir als Kinder noch draußen im Wald herumgetobt sind. Spielen war für mich fast immer mit Wald verbunden.
„Wuchs in Mittweida am Waldrand auf“, steht in deiner Vita. Also hat dich diese Waldnähe geprägt?
Bei mir waren es von der Haustür bis zum Wald knapp 200 Meter. Da war ich bei schönem Wetter natürlich jeden Tag draußen. Dazu kamen die Waldspaziergänge mit meinen Eltern. Waldwanderungen, Waldläufe, das Pilzesuchen im Herbst. – Aber wie das heute ist? Ich würde mir wünschen, dass junge Leser „Bis bald im Wald“ als eine Einladung betrachten, sich tatsächlich auf den Weg in den Thüringer Wald zu machen.
Keiner der Autoren ist im Nebenberuf Förster. Es ist ja auch kein Sachbuch – oder?
Es enthält aber sachliche Anmerkungen, in denen man etwas über die Natur des Waldes erfährt. Aber der Hauptteil besteht aus Geschichten, erlebten oder ausgedachten, natürlich sind auch Märchen darunter.
Wald ist nicht gleich Wald. Jeder erlebt ihn anders. Worum drehen sich die Geschichten?
Vor allem um die Waldbewohner. Ursprünglich sollte das Buch mal „Der Fuchs vor der Haustür“ heißen. Aber es kommen auch Rehe, Wölfe und sogar Bienen vor, die zumeist vermenschlicht werden. Auf diese Weise erfährt man eine Menge über die Lebensweise dieser Tiere. Aber der deutsche Wald hat natürlich eine lange literarische Tradition, an die von dem einen oder anderen Autor angeknüpft wird. Denken wir nur an die Märchen von Ludwig Bechstein oder den Gebrüdern Grimm. Das Dunkle, Undurchdringliche, das Waldgeheimnis spielt auch in unserem modernen Waldbuch eine Rolle.
Die Zeit der Romantik ist vorbei. Wie realistisch sind die Texte? Wie sind sie im 21. Jahrhundert verankert?
Ich finde sie alle realistisch, und der Realismus ist eine Erzählweise, die gar nicht so sehr im 21. Jahrhundert verankert ist. Die Literaturwissenschaft versteht darunter eine Geisteshaltung des 19. Jahrhunderts. Aber wie weit geht Realismus? Wenn Tiere plötzlich anfangen zu sprechen – das passiert ja hier –, ist das noch „realistisch“? Ich würde sagen, die Geschichten sind in bester deutscher Literaturtradition geschrieben. Das sind moderne Märchen, Humoresken und Grotesken, Gedichte, Sprachspiele und Ferienlager-Geschichten – ein Querschnitt dessen, was man als Schriftsteller machen kann. Wobei das ganz Experimentelle fehlt, das wäre für ein Kinderbuch vielleicht auch problematisch.
Eine Geschichte heißt beispielsweise „Immer der Nase nach“. Ich vermute, sie handelt von den Düften und Ausdünstungen des Waldes?
Nein, von der modernen Waldanmutung, den sogenannten Duftbäumchen im Auto. Sie erfährt eine völlige Verkehrung, indem so ein Duftbäumchen plötzlich im Wald herumliegt und die Tiere, die eine viel feinere Nase haben, irritiert. Das ist eine humorvolle Auseinandersetzung mit unserer modernen Welt, in der die Natur oft nur noch vermittelt wahrgenommen wird – eben durch chemisch erzeugten Waldduft. Mich hat diese Idee köstlich amüsiert, und ich bin sicher, dass auch zehn- oder zwölfjährige Kinder darüber lachen werden.
Die Buch-Idee ist so großartig wie naheliegend. Warum hat es so lange gedauert, bis sie verwirklicht werden konnte?
Das Buch wurde vom Friedrich-Bödecker-Kreis Thüringen gefördert, und zwar von Anfang an. Dennoch war es nicht so einfach, einen Verlag zu finden, der es nach unseren Vorstellungen – und dazu gehören auch die Illustrationen der jungen Künstler des Weimarer Studios „Zeich Mal“ – realisieren wollte. Wir hatten zwar relativ schnell einen Verlag, doch der ließ das Projekt über ein Jahr schleifen. Aber jetzt kommt es so auf den Markt, wie wir es uns gewünscht haben. Gut Ding will Weile haben?...
Auch Bäume wachsen nur langsam?...
Eben.
Das Unterholz breitet sich schneller aus. Du erzählst in deiner Geschichte von einem „gefräßigen Wald“, der sich verändert, als er nicht mehr bearbeitet – oder sagen wir: gepflegt – wird?
So etwas kommt in der Natur immer mal wieder vor, dass sich etwas verändert, ohne dass man sofort weiß, warum. Da breiten sich plötzlich Pflanzen aus, die alles andere überwuchern. Das kann auch den kultivierten Wald treffen, wie wir ihn heute kennen. Ich habe mir überlegt, was passieren würde, wenn sich dort eines Tages eine Flechte breit machte. Niemand schreitet dagegen ein, denn die Order lautet: „naturbelassener Wald“.
Der Auslöser ist letztlich ein Computerfehler.

Ja. Wegen einer Falschmeldung hört der Mensch auf, den Wald zu überwachen, und die Natur bleibt sich selbst überlassen. Man glaubt doch, dass nur das Eingreifen des Menschen die Natur verändert, und zumeist zu ihren Ungunsten. Ich glaube, die Natur schafft das auch von allein – vielleicht nicht immer in unserem Interesse. Man lässt den Wald gewähren, und irgendwann steht er vor unserer Tür. Sollten wir ihn dann nicht wenigstens hereinbitten?
Eine andere Option wäre, unsere Kinder und Enkelkinder – wenigstens mal zeitweilig – im Wald auszusetzen.
Davon gibt es auch eine Geschichte in unserem Buch. Aber was heißt „aussetzen“? Wir sollten sie nicht ganz sich selbst überlassen, sonst enden sie wie bei „Hänsel und Gretel“.
Ihr Smartphone dürfen sie natürlich mitnehmen.
Aber dort ist kein Empfang?... Gut, es reicht doch, wenn sie hin und wieder die Gelegenheit bekommen, Abenteuer in der Natur zu erleben, vielleicht auch mal ein Gefahrenmoment, ohne dass sie gleich ein Gummiband nach Hause auf den elterlichen Schoß zurück holt.
Und wer zu große Angst um seine Kleinen hat, kann ihnen die Waldabenteuer auch aus dem Buch vorlesen.
Richtig. Das ist völlig ungefährlich. Und hinterher gehen die Kinder los, um es zu überprüfen.

f.quilitzsch@tlz.de, online@tlz.de / 11.03.15 / TLZ