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07.03.2017

Sagenforscher arbeitet an Radiofeature über Hüpfemännel-Erzählungen

von Ulrike Merkel Ostthüringer Zeitung

Sagenforscher Rainer Hohberg aus Hummelshain schreibt ein O-Ton-Feature über die mysteriösen Hüpfemännchen, die in der Nachkriegszeit angeblich ihr Unwesen trieben. Foto: Ulrike Merkel

Hummelshain. Ende der 40er-, Anfang der 50er-Jahre tauchen in Thüringen und Sachsen plötzlich gruselige Geschichten über sogenannte Spiralhopser auf. Je nach Landstrich wurden diese mysteriösen Wesen auch als Hüpfemännel, Spiralfedermenschen oder Springteufel bezeichnet. Sie sollen an ihren Füßen Sprungfedern besessen haben. Mit den Händen konnten sie ihre Opfer übel zerkratzen.

So schnell die Geschichten auftauchten, so schnell verschwanden sie auch wieder. Umso erstaunter war OTZ-Sagendetektiv Rainer Hohberg, als er 2015 bei einer Lesung gebeten wurde, über das ihm unbekannte Phänomen der Hüpfemännel zu sprechen.

Als er später in seiner Zeitungskolumne "Thüringer Sagengeheimnisse" darüber berichtete, stieß er "geradezu in ein Wespennest". Denn plötzlich erreichten ihn Zusendungen, die seine ironische Interpretation, bei den seltsamen Erzählungen handle es um "oral legends", moderne Sagen, scharf zurückwiesen. "Zahlreiche Zeitzeugen teilten mir mit, das Treiben dieser ‚Wesen‘ bezeugen zu können", erklärt Rainer Hohberg.

Gefährlicher Gang zum Briefkasten

Angeregt durch die Reaktionen, entschied sich der Hummelshainer Autor den Geschichten näher auf den Grund zu gehen. Inzwischen hat er zahlreiche Interviews geführt, die die Basis für ein O-Ton-Feature für Deutschlandradio in Köln bilden werden. Gesendet wird der einstündige Beitrag in der zweiten Jahreshälfte 2017.

Die Schilderungen der Zeitzeugen fallen dabei sehr unterschiedlich aus. Auge in Auge stand keiner von ihnen einem Spiralhopser gegenüber. Letztlich basieren die Erinnerungen immer auf Hören-Sagen, auch wenn es mitunter knapp zuging.

So berichtete etwa Gudrun Bauch aus Vollmershain von einer Nachbarin, die am Abend noch schnell zum Briefkasten wollte. "Meine Großmutter bat sie, das zu unterlassen, man höre doch so einiges von diesen ‚Huppmänneln‘, wie man sie bei uns in der Schmöllner Gegend nannte", erzählt Gudrun Bauch im Gespräch mit Hohberg. Aber die Nachbarin lehnte ab. "Ich höre ihre Hilfeschreie immer noch und friere bei der Erinnerung daran. Sie sah schlimm aus, die Haare waren zerzaust und das Gesicht zerkratzt, als hätten Krallen sie so zugerichtet."

Sie bewegten sich wie Kängurus fort

Hans-Jürgen Voigt aus Weischlitz beschreibt das Aussehen der Springteufel wie folgt: "Es waren verkleidete Männer, die Sprungfedern unter den Schuhsohlen trugen, so dass sie sich in großen Sätzen wie die Kängurus fortbewegten", so Voigt. "Sie trugen Handschuhe, die in den Handflächen mit Reißzwecken präpariert waren, so dass sie dem Gegner das Gesicht zerkratzen konnten. Jeder wusste von den Hupfmänneln."

Wenn Elfrun Josiger aus Saalfeld an die alten Geschichten denkt, bekommt sie immer noch Gänsehaut. "Sowohl meine Oma, als auch meine Mutter warnten mich ständig vor den bösen Hüpfemännchen, die einfach in die Wohnungen hüpfen würden."

Aber wer steckte nun hinter diesen Geschichten? Auch dafür gibt es ganz unterschiedliche Erklärungen. Für die Sicherheitsorgane der DDR war die Sache klar: Bei den verkleideten Unruhestiftern handelte es sich um Saboteure, die den Aufbau des Arbeiter- und Bauernstaates stören wollten. Einige junge Männer mussten damals, obwohl sie wohl eher derbe Streiche im Sinn hatten, sogar ins Gefängnis.

Für andere waren es die sowjetischen Besatzer, die die Bevölkerung einschüchtern wollten. Für wieder andere haben die Spiralhopser mit der heimlichen Suche der Russen nach Uran zu tun. Auffällig sei jedenfalls, dass die Berichte vor allem in Wismut-Regionen auftauchten.

Ursprung der Geschichten könnte in Tschechien liegen

Neben O-Tönen reichert Hohberg das Feature auch mit Polizei- und Gerichtsdokumenten sowie Zitaten von Schriftstellern an, die das Phänomen literarisch aufgriffen, darunter etwa Buchpreisträger Lutz Seiler, der aus Gera stammt. In "Die Zeitwaage" schreibt er: "Nicht selten, so erzählte es mein Vater, sei zu hören gewesen, es handele sich dabei um versprengte Einheiten der SS, die im Untergrund wieder zusammengefunden und sich neu organisiert hätten, eine Legende, wie er meinte, um Verbrechen der Besatzer zu vertuschen."

Für den Weimarer Lyriker Wulf Kirsten hat das Auftreten der Springteufel etwas mit dem enormen Hunger zu tun, der in den Nachkriegsjahren herrschte, sagt Hohberg. Diebstahl war damals weit verbreitet. Um ungestört und unerkannt die Beute einsacken zu können, hat manch Dieb zuvor für gehörig Spuk gesorgt. Dass sich derlei Erzählungen, Berichte und Gerüchte zwischen 1948 und 1951 weit verbreiteten, sieht Hohberg ebenfalls den Nachkriegsumständen geschuldet. In Zeiten sozialer Spannung, sagt er, seien die Menschen empfänglicher für Aberglauben und dergleichen.

Auch einen möglichen Ursprung des Mythos hat Hohberg recherchiert. In Tschechien erfreute sich während des Zweiten Weltkrieges die fiktive Figur des Pérák großer Beliebtheit. Der mit Sprungfederschuhen und Rasiermessern ausgerüstete Schornsteinfeger führte einen unerschrockenen Kampf gegen die deutschen Besatzer. Nach dem Krieg könnten die nach Deutschland strömenden Flüchtlinge die Erzählungen mitgebracht haben.