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09.08.2017

Pößneck: Bens ICE-Zeit geht bald in den Druck

von Brit Wollschläger Ostthüringer Zeitung

Autorin Verena Zeltner – hier in ihrem neu entstandenen Schriftstellerzimmer im Neustädter Ortsteil Neunhofen an ihrem Laptop beim Korrekturlesen. Diesmal schreibt sie an einem Jugendbuch über das Thema Crystal Meth. In der Handlung ist es die Mutter von zwei Kindern, die die Droge konsumiert und damit das Familiengefüge grob ins Wanken bringt. Foto: Brit Wollschläger

Neustadt/Neunhofen. Wie geht es wohl einer Schriftstellerin, kurz bevor sie ein neues Buch zum Druck gibt? Verena Zeltner wirkt relativ entspannt, aber voller Vorfreude. Die Kinder- und Jugendbuchautorin aus dem Neustädter Ortsteil Neunhofen ist in diesen Tagen intensiv beim Korrekturlesen für ihr aktuelles Projekt. Sie liest und liest, liest sich selbst meist laut die ausgedruckten Manuskripte vor. Zeile für Zeile. Seite für Seite. Sie findet Tippfehler und stellt manchen Satz noch einmal um.

Und so ist Verena Zeltner jeden Tag ganz nah bei ihrer Hauptperson im Buch, bei Ben, dem Teenager, dem sympathischen Jungen – der ein kleines bisschen verliebt in Jette ist, die er beim Tierarzt kennengelernt hat – und dem großen Bruder von Kessy, der „kleinen Prinzessin“, die noch in den Kindergarten geht. Eigentlich verläuft sein Leben ganz normal, könnte man denken. Aber dann verändert sich alles. Weil sich seine Mutter verändert. Mama konsumiert Crystal Meth, eine synthetische Droge, die sehr schnell abhängig macht. Am Anfang ist sie immer so seltsam gut drauf. Geht zu Partys, tanzt nächtelang, lässt ihre Kinder zu Haus allein, sagt nicht einmal Bescheid. Der Vater der Familie erfährt davon zunächst nichts, denn er ist die Woche über nicht zu Hause, weil er in einem großen Unternehmen im fernen München arbeitet. Für Ben und seine Schwester ist bald nichts mehr wie es war.

Wie für die beiden Kinder quasi alles Gewohnte, Selbstverständliche ins Wanken gerät, beschreibt Verena Zeltner in ihrem Buch. ICE-Zeit soll es heißen. Die kristalline Droge wird auch „Ice“ genannt. „Ich habe das erste Manuskript noch einmal gründlich überarbeitet und mich dabei noch tiefer in den Jungen hineingefühlt“, sagt Zeltner. Zuvor hatte sie über Monate sehr aufwendig zum Thema Crystal Meth recherchiert. Sie las in Zeitungen und im Internet, besuchte Fachtagungen, sprach mit Sozialarbeitern und Suchtberatern sowie mit einer Schriftstellerkollegin. Über längere Zeit schnitt sie beispielsweise aus der Ostthüringer Zeitung alle Artikel aus, die mit den synthetischen Drogen zu tun hatten. Und das waren erstaunlich viele.

Wie ist es für einen Jungen, wenn er am Morgen, wo eigentlich die kleine Schwester in den Kindergarten gebracht werden und er pünktlich zur Schule müsste, seine Mutter verdammt noch mal nicht wach bekommt? Wenn sie den ganzen Tag schläft? Ist sie krank? Muss er einen Arzt rufen? Was hat sie? Warum geht sie nicht zur Arbeit? Warum ist sie so? Warum putzt sie neuerdings ständig über Stunden das Badezimmer? Wieder und wieder?

„Natürlich kann Ben nicht immer lieb sein und funktionieren, die Familie nach außen am Laufen halten. Er ist auch überfordert, wütend, verzweifelt und flippt mal aus“, beschreibt Zeltner . Fassungslos muss er auch feststellen, dass seine Mutter sein Handy verkauft hat, um Geld für Drogen zu bekommen.

ICE-Zeit ist ein Jugendroman in drei Teilen und kommt auf rund 300 Seiten. Gleichzeitig ist er ein Aufklärungsbuch über die gefährliche, aber sehr verbreitete Droge Crystal Meth. Deshalb erhielt die Autorin für die Arbeit an diesem Buch ein Literaturförderstipendium vom Land Thüringen, das Benjamin-Immanuel Hoff (Linke), Thüringens Minister für Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten 2015 übergab, und einen Zuschuss für die Druckkosten zum Buch von der Kreissparkasse Saale-Orla, die seit 2015 die Kampagne „Courage gegen Drogen“ im Saale-Orla-Kreis maßgeblich unterstützt. In diesem Herbst soll ICE-Zeit gedruckt werden. Es erscheint im Neunhofener Thami Verlag. Ein emotionales Titelbild ist schon gefunden.

„Auch die Landeszentrale für politische Bildung hat Interesse in dem Buch“, erzählt Verena Zeltner begeistert. Sie freut sich schon auf viele Lesungen in der Region – so wie bei ihrem Roman „Kornblumenkinder“, der 2015 erschien und ein beinahe vergessenes Thema, nämlich die politisch motivierten Zwangsumsiedlungen von Familien in DDR-Zeiten, thematisiert. Doch bis dahin liest sie noch für sich – in ihrem neuen Autorenzimmer in ihrem Haus in Neunhofen, das in einer früheren Schneiderstube mit großem Aufwand ausgebaut wurde. Es ist ein Raum mit sehr viel Licht und gelungener Wohlfühlatmosphäre. Mit frischen Blumen auf dem Tisch und ab und zu dem zufriedenen Schnurren eines Kätzchens auf dem Fensterbrett. Manchmal setzt sich die Schriftstellerin auch zum Lesen oder Schreiben nach draußen, an den Teich mit den schönen Seerosen – und denkt an Ben, den starken Jungen aus dem Buch.